Produktionstechnik Sachsen 2019
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Märkte für den Mittelstand noch gezielter erschließen

Internationalisierung ist für den neuen VDMA Ost-Geschäftsführer Oliver Köhn eine zentrale Aufgabe

Oliver Köhn, Geschäftsführer des VDMA Ost.

Oliver Köhn ist seit Januar 2020 Geschäftsführer des VDMA Ost. Er folgt auf Reinhard Pätz, der das Amt zwei Jahrzehnte ausübte.
Foto: VDMA

Seit Jahresbeginn 2020 führt der 48-jährige Diplom-Kaufmann Oliver Köhn aus Magdeburg den Landesverband Ost des VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau). „Produktionstechnik“ sprach mit ihm Ende Februar über Herausforderungen und Ziele im neuen Job.

Herr Köhn, Sie verfügen über umfangreiche Vertriebserfahrungen in verschiedenen Branchen im In- und Ausland und waren zuletzt als Geschäftsentwickler in der Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt aktiv. Was reizt Sie an Ihrer neuen Position?
Es ist eine spannende Aufgabe in einem nicht gerade einfachen Marktumfeld. Ich kenne die Herausforderungen der Branche auch aus meinen vorherigen Tätigkeiten. Die jetzige Arbeit ermöglicht einen breiten Aktionsradius über föderale Grenzen hinaus. Handeln ohne Schranken ist eine wichtige Voraussetzung, damit Deutschland wettbewerbsfähig bleibt und verlässliche Rahmenbedingungen für die Wirtschaft bietet. Vor diesem Hintergrund muss auch die Internationalisierung im ostdeutschen Maschinenbau vorangetrieben werden. Dafür bringe ich meine Erfahrungen ein.

Weshalb sehen Sie in der Internationalisierung eine zentrale Aufgabe?
Breit gefächerte Auslandsaktivitäten tragen gerade in schwierigen konjunkturellen Zeiten zur Stabilisierung bei. Die ostdeutschen Maschinenbauer liegen mit einer Exportquote von 54 Prozent etwa 25 Prozent unter dem gesamtdeutschen Branchendurchschnitt. Hier gibt es noch viel Potenzial. Chancen sehen wir insbesondere in Regionen, die bislang nicht so im Fokus stehen. Dazu gehört Südostasien. Vor allem Vietnam oder Indonesien bieten interessante Ansätze. Mittelfristig ist auch Afrika zu beachten.

Die meist kleinteilig strukturierten ostdeutschen Firmen scheuen den Gang auf neue Märkte oft aus Kapazitäts- und Finanzgründen. Wie wollen Sie dem begegnen?
Indem wir den Firmen konkret aufzeigen, welche Märkte sich für ihre Produkte und Leistungen anbieten und auf welchen Wegen sie erschlossen werden können. Wir wollen hier gemeinsam mit zentralen Abteilungen des VDMA sowie mit weiteren Partnern noch gezielter als bisher bei der Marktaufbereitung vorgehen, beispielsweise durch spezialisierte Unternehmerreisen. Der Blick über den Tellerrand hilft, Chancen besser zu erkennen. Das bringt auch Effekte für das angestammte Geschäft zu Hause.

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation des ostdeutschen Maschinenbaus angesichts einer eingetrübten Konjunktur sowie zahlreicher handelspolitischer und weiterer Risiken?
Erfreulicherweise hat sich die Konjunktur im ostdeutschen Maschinen- und Anlagenbau zum Jahresende 2019 stabilisiert, wie eine Umfrage unter unseren 350 Verbandsmitgliedern belegt. Bei der Lagebeurteilung müssen wir unbedingt berücksichtigen, dass die zurückliegenden Jahre von starkem Wachstum gekennzeichnet waren. Jetzt kehren wir auf ein normales Level zurück. Trotz Auftragsrückgängen bewerteten die Unternehmen zudem ihre kurzfristigen Geschäftschancen positiver als im Herbst 2019. Jetzt hat sich mit dem Corona-Virus aber eine neue Hürde aufgetan. Wir müssen mit Einschränkungen entlang der Lieferketten, Störungen im Produktionsablauf und Umsatzeinbußen rechnen.

Der Maschinenbau hat in der Vergangenheit von den Investitionen der Automobilindustrie profitiert. Was muss angesichts des Wandels in der Antriebstechnik passieren?
Den deutschen Maschinenbau hat schon immer seine hohe Innovationskraft ausgezeichnet. Er ist auch der Treiber für die aktuellen Transformationsprozesse, denn neue Produkte brauchen neue Technik und Verfahren zu ihrer Herstellung. Mit den Herausforderungen Mobilitäts- und Energiewende sowie Klimaneutralität bieten sich hier enorme Chancen. Beispielsweise können die Firmen ihre Kompetenzen in die Batterieproduktion einbringen oder für Power-to-X-Technologien im Bereich der erneuerbaren Energien. Auch das komplexe Thema Digitalisierung funktioniert nicht ohne den Maschinenbau. Die mit den Veränderungen verbundenen Umbrüche in Geschäftsmodellen werden sicher nicht schmerzfrei verlaufen, aber die Unternehmen sollten sich jetzt diesen Prozessen stellen. Gerade ostdeutsche Betriebe mit ihrer hohen Flexibilität und einer guten Verankerung in der Hochschul- und Forschunglandschaft können von diesen Entwicklungen profitieren.

Für die genannten Herausforderungen braucht es genügend Fachkräfte. Wie ist es darum bestellt?
Trotz Auftragsrückgängen halten die Unternehmen ihre Mitarbeiter. Sie wissen: Wer einmal weg ist, kann meist nicht zurückgewonnen werden. Das ist ein Indiz für den real vorhandenen Fachkräftemangel. Automatisierung trägt bei, dem Mangel entgegenzuwirken, kann ihn aber nicht kompensieren. Als VDMA wirken wir darauf hin, Ausbildung, technische Ausstattung sowie Lehrerfortbildung an Schulen und Berufsschulen stärker an den veränderten Anforderungen der Industrie auszurichten. Auch muss es gelingen, das Ansehen der gewerblichen Berufsausbildung in der Gesellschaft wieder zu steigern.

Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, damit der (ost)deutsche Maschinenbau wettbewerbsfähig bleibt?
Was unsere Mitglieder neben dem Fachkräftethema umtreibt, sind steigende Belastungen durch bürokratische Regelungen, wie sie u. a. durch die A1-Bescheinigung für Arbeiten im EU-Ausland verursacht werden. Ein kurzfristiges Reagieren auf Kundenanliegen, z. B. für Anlagenreparaturen, wird dadurch sehr erschwert. Die im internationalen Vergleich hohen Energiekosten sowie fehlende Infrastruktur wie Breitband bereiten den Unternehmen ebenfalls Sorgen. Erfreulich ist dagegen, dass nach vielen Jahren Kampf auch durch den VDMA seit Januar die steuerliche Forschungsförderung Gesetzeskraft erlangt hat. Damit verbessern sich gerade auch für kleinere Unternehmen die Voraussetzungen, Forschung und Entwicklung zu betreiben.



Weitere Informationen:
ost.vdma.org